Fendt Cardano Fahrräder – ein Nobelhobel?

Michael Grützner, Rickmansworth
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Fahrräder mit Wellenantrieb, landläufig Kardanantrieb, gibt es bereits seit 110 Jahren. Anfang der 1980er Jahre versuchte die Firma Fendt den Kardanantrieb neu zu erfinden.
Aufmerksam wurde ich auf das Fendt in einer meiner ersten “Auto-Bild” im Juli 1990. Das Fahrrad selbst bekam ich erst einige Jahre später, dann schon als Sammler historischer Fahrräder.
Die Idee des Kardanrades war an sich ja nicht neu: besonders populär war das Kardanrad um die Jahrhundertwende. Ein Wanderer-Kardan jener Epoche könnt ihr hier anschauen. Dürkopp (Bielefeld) stellte als einzige deutsche Firma noch bis zum zweiten Weltkrieg Kardanräder her.
Nach dem 2. Weltkrieg wurde der Kardanantrieb am Fahrrad nahezu vergessen. In Westdeutschland hatte die Fahrradentwicklung insgesamt einen schweren Stand und verschwand (im wahrsten Sinne des Wortes) in den Kofferräumen der neuen Automobile der schnellen Motorisierung.
Auch in Ostdeutschland fand u.a. vor dem Hintergrund einer steten Mangelwirtschaft ebenfalls keine wesentliche Fahrradentwicklung statt. Somit war der Kardanantrieb eigentlich schon ein abgeschlossenes Kapitel der Fahrradgeschichte.

FEHO - erstes Modell

FEHO - erstes Modell

Die Entwicklung der Fima Fendt

Im Jahre 1979 trafen sich Peter Fendt und Klaus Hofgärtner in der TU München. Während einer Vorlesungspause wurde eines Tages über die Möglichkeit eines Kegelradantriebes an Fahrrädern diskutiert. Im Verlaufe der Jahre 1979 und 1980 verfolgten sie den Gedanken weiter. Am 22.12.1980 gründeten sie in München die “Fendt & Hofgärtner GmbH” (FEHO), um die Kardanfahrräder herzustellen. Klaus Hofgärtner übernahm die technische, Peter Fendt, im übrigen verwandt mit der Familie des Traktorenherstellers, die kaufmännische Leitung.
Am 12.8.1981 konnte das erste Modell mit der Bezeichnung FEHO STS 1-26 der Presse vorgestellt werden. Der Sitz der Firma wurde in der Zwischenzeit nach Marktoberdorf verlegt. Im Dezember 1981 konnten dann die ersten Serienräder ausgeliefert werden (bis hierher alles /3/). Die Rahmen fertigte Falter in Bielefeld. /1/ Zum 1.3.1982 stieg Peter Fendt hauptberuflich in seine Firma ein.
Während der Vorbereitungsphase wurde auch darüber nachgedacht, sich den Kardanantrieb patentrechtlich schützen zu lassen. Peter Fendt schrieb dazu selbst: “…Bei den Recherchen stießen wir darauf, daß bereits 100 Jahre vorher ein derartiger Antrieb zum Patent angemeldet worden war. Während wir glaubten, die Fahrradinnovation des Jahrzehnts entdeckt zu haben, haben wir in Wirklichkeit nur eine uralte Klamotte reaktiviert. …” /3, S. 11/
Das erste Modell verkaufte sich jedoch außerordentlich schlecht. Es wurden pro Tag nur 2-3 Fahrräder produziert. Der empfohlene Verkaufspreis von DM 895,- für das Herrenmodell war außerdem falsch kalkuliert. Der tatsächliche Verkaufspreis hätte ca. DM 1050,- betragen müssen. Dazu kam noch eine unzureichende Qualität. Nach Auseinandersetzungen innerhalb der Firma übernahm Peter Fendt die alleinige Führung der Firma. (alles /3/).
Gemeinsam mit dem ehemaligen Motorradrennfahrer Preisinger aus Marktoberdorf und dem Ingenieur Muck aus Kempten wurden die wichtigsten technischen Probleme gelöst. Im September 1982 konnte das neue Modell FENDT Cardano Comfort vorgestellt werden. Ab März 1983 wurde dieses Fahrrad bei Patria gefertigt. /3/

Anzeige in der Auto-Bild

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Fahreigenschaften und Technik

Mein Testrad wurde ca. 1986 gefertigt. Es hat eine Dreigangnabenschaltung und die Hinterradfederung. Die Ausstattung des Fahrrades entsprach weitestgehend dem Original.
Das Abrollen der geradverzahnten Kegelräder ist beim Anfahren und starken Treten deutlich zu spüren. Die Hinterradfederung ist nicht gewichtsabhängig einstellbar. Der Hinterbau mit seinen parallelen Federungselementen ist zuwenig seitenstabil. Dadurch neigt das Hinterrad bei schnellen Kurvenfahrten zum “aufstellen”. Ich konnte mich an dieses “Schaukeln” nie gewöhnen, allerdings muß eingeräumt werden, daß nicht jeder immer schnell fährt.
Eines Tages war es soweit, daß der Antrieb zerlegt werden sollte. Der Antrieb ist klar und einfach konstruiert und kann mit einfachem Werkzeug zerlegt werden. Das Spiel der Kegelräder wird mit Distanzscheiben eingestellt. D. h. es muß immer der gesamte Antrieb zerlegt werden! Denkt man an die bekannten Dürkopp-Kardanräder sehnt man sich schon sehr zurück. Bei den Dürkopp-Rädern konnte das Lagerspiel durch Schrauben nachgestellt werden.
Für einen sportlichen Alltagsradler ist das Fendt sicher kein empfehlenswertes Rad. Für den Gelegenheitsfahrer, der auch mal mit guter Kleidung fahren will, sicherlich eine Überlegung wert.

Modell 2005

Modell 2005

Sammler-Fazit

Von dem ersten “FEHO”-Modell wurden 400 Stück verkauft. Aufgrund seiner Seltenheit, seiner Technik und seines außergewöhlichen Erscheinungsbildes sollte es in einer zukünftigen Fahrradsammlung nicht fehlen!
Die zweite Ausführung, das FENDT Cardano, wird noch heute produziert. Gebrauchte Exemplare sind recht preiswert zu haben. Für Sammler technisch interessanter Fahrräder sicher eine Empfehlung und zugleich eine preiswerte Einstiegsmöglichkeit in das Sammelgebiet Kardanräder.

Modellentwicklung

Antrieb des ersten FEHO-Modells

Antrieb des ersten FEHO-Modells

FEHO STS 1-26

vorgestellt: Dezember 1981mit 26´-Zoll-Druckgußrädern, Hinterradfederung, auf vorderem Gehäuse: FEHO, Dreigangnabenschaltung
Gewicht: 19,5 kg /1/
Damenmodell: DM 899,50 /1/
Herrenmodell: DM 895,- /1/

FENDT Cardano

vorgestellt: September 1982 in zwei Ausführungen: – Fendt Cardano Comfort
mit Hinterradfederung, Drahtspeichenräder
Gewicht: 16,8 kg (ab IFMA 1984 auch als CrMo-Rahmen: -800g /3/)
Preis: 1985: DM 950,- /4/ – Fendt Cardano
ohne Hinterradfederung
Preis 1985: ca. 850,- /4/

Patria-WKC

eigene Schriftzüge, bessere Ausstattung (Reifen mit Leuchteinlage, Edelstahlteile)
Preis: 1984: DM 940,- /3/, 1985: DM 1030,- /4/ (jeweils mit Federung)

Fendt - Modell Aluwing

Fendt - Modell Aluwing

Weitere Entwicklung

Im Jahre 1991 wurden in der Fahrradpreisliste Nr. 6 sechs verschiede Modelle angeboten. Das preiswerteste Modell war das “Cardano Comfort SL 3” mit Federung und Sachs-Dreigang-nabenschaltung für DM 1380,. Alle anderen Modelle verfügten über die Sachs-Fünfgangschaltung. Die Preise staffelten sich bis zum Top-Modell “Cardano-Comfort CML-X” für DM 2098,. Ebenfalls im Angebot war ein Modell “Country”. Alle Modelle wurden mit Magura-Hydraulikbremsen ausgestattet.
Im Jahre 1994 wurde nur noch ein einheitliches Modell angeboten. Mit Trommelbremsen und Fünfgangnabenschaltung betrug der Preis DM 2285,-.
Das Fendt wird noch heute produziert.

Informationen zum Aluwing-Modell bei:

Fendt-Kardanräder
Postfach 100 346
41487 Grevenbroich

Sonderausführungen

Im Jahre 1995 wurden in einer limitierten Edition fünf Danmark-Pedersens mit dem Fendt-Kardanantrieb ausgerüstet.
Wahrscheinlich wurden auch einige Flevo-Bikes (Liegerad mit Frontantrieb) mit dem wartungsfreien Antrieb ausgerüstet.

Mein Dank an Roland Huhn und Gunnar Fehlau für die Bereitstellung der Artikel. Weitere Quellen und Hinweise erwünscht.

Quellen

/1/ Kardanrad mit Federung und Gußrädern. In: Radfahren Nr. 4/1981, S. 14/15
/2/ Liebe auf den zweiten Blick. Radfahren Nr. ???/ 1982, S. 26/27
/3/ Wellenbewegung. Radfahren Nr. 2/1984, S. 4/5
/4/ Peter Fendt: Die “zweite” Erfindung des Kardan-Antriebes. In: Pro Velo – Das Fahrradmagazin, Ausgabe 3, März 1985, S. 11/12
/5/ Herbert F. Bode: Es geht auch ohne klassische Kette. In: Pro Velo – Das Fahrradmagazin, Ausgabe 4, September 1985, S. 8/9
/6/ Gerald Fink: Das Fendt “Cardano Comfort” im Praxistest. In: Pro Velo, Ausgabe 34, S. 15/16
/sonstiges/ diverse Kataloge und Preislisten (jeweils wie angegeben), Sammlung Michael Grützner

Copyrigth: Michael Grützner, Oktober 1999