Tretlager ausbauen

Glockenlager ausbauen

Tilman Wagenknecht, Erfurt

Historische Fahrräder der Jahre 1905 bis ca. 1970 waren oftmals mit so genannten Glockenlagern ausgestattet. Darunter verstehen wir Tretlager aus Stahl, bei denen die Kurbeln mittels konischem Vierkant auf die Welle aufgepreßt wurde. Die Demontage dieser Tretlager erfordert etwas Übung und Erfahrung.
Meine Erfahrung ist: Nur rohe Gewalt hilft. Abzieher sind alle ungeeignet.

Vorgehensweise

  • Einweichen mit Kriechöl kann nicht schaden.
  • Sicherungsmutter abschrauben, Achtung oft Linksgewinde
  • Hilfe zum Rahmen halten holen, wichtig!
  • großen Schraubstock oder andere geeignete Unterlage wie Amboß suchen
  • einen Messingbolzen einspannen oder unterlegen. Auf diesen Bolzen legt man den Rahmen am linken Gewindestummel der Tretlagerwelle (Also wirklich an den so feinen und zerdrückbar wirkenden ca. 10 mm dicken Gewindestück, auf dem die Sicherungsmutter sitzt. Die Hilfe hält den Rahmen waagerecht und so dass nur das Gewindeende auf dem Messingbolzen aufliegt
  • zweiter Mensch mit Mut und Kraft steckt von der rechten Tretlagerseite einen starken Stahlbolzen durch das Kettenblatt auf die Rückseite der linken Kurbel (die abgehen soll) und zwar so nah wie möglich am Tretlagergehäuse dran
  • dann holt der mutige Mensch mit einem wirklich großen Hammer ( 1kg) richtig aus und schlägt mit aller Kraft (nicht auf den Daumen) auf den Stahlbolzen
  • nach drei Hammerschlägen (zwischendurch Pause machen, Mut holen, an Johann Winkelhofer oder Nikolaus Dürkopp denken und Lage des Gewindes auf der Mitte des Messingbolzens kontrollieren) ist entweder die Tretlagerwelle zerbrochen (aber das ist nicht schlimm, da sie dann früher oder später auch so gebrochen wäre) oder die Kurbel weggeflogen.
  • Ist das nach drei Hammerschläen nicht getan, dann wechsle man den ja doch nicht so mutigen Menschen und seinen zu leichten Hammer aus und nehme einen wirklich mutigen Menschen mit einem großen Hammer.

Nicht hilft:
Langes Erwärmen und sanfte Gewalt mit Abziehern. Diese Abzieher verdrücken alle das Gewindeende. Bei der Gewaltmethode passiert das nicht, da staunen selbst die Fachleute.

Wer keinen Messingbolzen hat, der klebe z.B. mit Schmierfett eine Messingscheibe ohne Loch auf das Gewindeende (Fett, damit sie beim Auflegen auf den Amboß nicht runterfällt, man kann auch einen Klebestreifen nehmen). Das ist ohnehin die bessere Methode, da ein Bolzen im Schraubstock immer, da kann man fest spannen wie man will, nach unten rutscht und damit Energie verloren geht.

Beim Zusammenbau suche man geeignete Stahldrehteile (Ringe), die den Raum der Ringmutter ausfüllen und damit am Grund der Senkung in der Kurbel aufliegen (aber nicht auf dem Vierkant der Tretlagerwelle!!) und schlage auf diese Ringe, bis die Kurbeln sicher festsitzen.

Bei Alutretkurbeln moderner Bauart sind die Abzieher sicherlich besser geeignet, aber hier bekommt man ja auch noch Ersatzteile.

Noch eine Bemerkung.
Sollte der Vierkant auf der Tretlagerwelle eines Glockenlager ausgeschlagen sein, so gebe man sich nicht der Illusion hin, so etwas durch einfaches Befeilen der Vierkantflächen und Beilage eines Stahlbleches beheben zu können. Ich habe noch nie erlebt, das sowas hält. Hier hilft nur ein sauberes Abfräsen oder Schleifen der Flächen und Neuaufbau des Vierkantes im Kurbelarm. Spätestens hier weiß man, warum gut erhaltene alte Fahrräder so teuer sind…

Viel Spaß beim Schrauben und Hämmern wünscht Tilman